Fliegenfisch-Ausrüstung für den Fortgeschrittenen

Hat man seine ersten Erfahrungen, Erfolge, Lehrzeit hinter sich steht man eigentlich erst am Anfang seiner Wünsche und Möglichkeiten.

Nun gehts entweder in Richtung Hechtfischen, Meeresfischen, Big Game oder vom Boot aus auf Renken oder in die andere Richtung, der ganz feinen Fischerei mit 000-er-Ruten ("Dreifach-0er-Ruten") oder Tenkara. In alle Richtungen verändert sich natürlich auch die Ausrüstung. So verschieden wir Menschen ("Gott sei dank") sind so verschieden sind auch unsere Anforderungen beim Fliegenfischen. Der eine liebt die kraftvolle Big-Game-Fischerei im Meer der andere das sanfte, feinfühlige Fischen in einem Bach und wieder andere können sich gar nicht entscheiden und machen beides.

Ultraleichte Fischerei

Was sind die Zielfische bei dieser extrem leichten Art zu fischen? Weißfische, Äschen aber auch sehr vorsichtige Forellen werden hier mit kleinsten (Trocken-) Fliegen (Hakengröße 12-26) überlistet. Kurze, 1,80-2,40 m lange "Dreifach-0-er" Ruten wie etwa die "Triple-Zero" bis zur Schnurklasse #4 oder Tenkararuten kommen hier zum Einsatz. Ideale Gewässer für diese Schnurklasse sind meist kleine, stark bewachsene, klare Gebirgsbäche. Nicht die Weite ist hier gefragt sondern eine exakte, aus der Deckung heraus ausgeführte Präsentation der Fliege. Dementsprechend fein sind auch die Vorfächer mit denen gefischt wird. 0,10 - 0,16 mm sind hier gefragt. Das Fischen mit solch dünnen Vorfächern ist auch möglich wegen der meist weichen (vollparabolisch) bis mittleren (semiparabolisch) Aktion der ultraleichten Ruten welche die Fluchten der Fische sanft abfedern.

Weicht man wie im Fall der ultraleichten Fliegenfischerei vom "Standard" (#5/6) ab wird das ganze schon etwas teurer. Geeignete Rollen und Schnüre für diese extrem leichten Ruten zu finden, ist nicht mehr ganz so einfach. Die wesentlich geringere Auswahl auf dem Markt erhöht natürlich den Preis. So darf man hier getrost schon mal mit ca. 1000 € für eine komplette Ausrüstung (Rute, Rolle, Schnur) rechnen.

Das ganze lohnt sich aber wenn man wie ich diese superleichte Fliegenfischerei liebt. Sie zeigt am deutlichsten dass Fliegenfischen nicht unbedingt ein Kraftsport sein muß.

Ausrüstung für Äschen und Forellen in kleinen bis mittleren Gewässern

Da man meist in dieser Größenordnung zum Fliegenfischen beginnt und ich das schon größtenteils im Bericht Fliegenfisch-Ausrüstung für Einsteiger beschrieben habe möchte ich hier nur noch auf Besonderheiten eingehen.

Wer seine 15-20 m Flugschnur im Griff hat und vielleicht mit einer WF-Schnur der Klasse #5/6 begonnen hat wird seine Prioritäten immer mehr von der Weite auf die Präsentation umlegen sofern er es noch nicht gemacht hat. Er wird vielleicht seinen Blick auf eine DT oder Long-Belly richten. Sie liegt wesentlich ruhiger in der Luft und setzt die Fliege auch viel sanfter aufs Wasser. Die Weite spielt keine so große Rolle mehr sondern das Fischen auf Sicht, im Uferbereich, in einer Distanz von 3-10 m. Die Fliegen in der Box werden wesentlich weniger. Auch das ist ein ganz natürlicher Erfahrungsprozess. Man bindet zwar mittlerweilen seine Fliegen selbst und fischt auch mit ihnen aber die Zeiten, daß man prall gefüllte, riesige Fliegenboxen mit ans Wasser nimmt sind vorbei. Man beschränkt sich vielleicht auf ca. 5-10 Fliegenarten.

Vielleicht hat man auch schon einen Fortgeschrittenen-Kurs besucht und beherrscht schon einige Trickwürfe. Die Natur (welche nach wie vor der beste Lehrer ist) hat einem viel Lehrreiches mitgegeben. Man beobachtet mehr, auch um das Gewässer herum, interessiert sich für das was am Ufer abläuft vor allem für das Insektenvorkommen.

Die erste Rute (sie war vielleicht noch sehr preiswert) wird je nach Vorliebe in eine schnellere oder langsamere Rute getauscht. Die alte Rute landet im Keller, wird an die Kinder vererbt oder dient als Zweitrute für Urlaub, mitangelnde Freunde oder sonstige Zwecke.

Auf Hecht, Karpfen, größere Fische, größere Gewässer

Ab hier geht es in die schwerere Fischerei. Wir bewegen uns in der Schnurklasse #7/8 und entfernen uns vom Bach in die Fluß- und Seenfischerei. Ab dieser Schnurklasse darf (oder soll sogar) die Aktion schon etwas härter bzw. schneller sein. Es gilt schwere Streamer mit Sinktips oder -schnüren zu werfen und /oder mit beschwerten Vorfächern zu arbeiten. Dafür bedarf es auch einer etwas anderen Wurftechnik und natürlich auch einer anderen Ausrüstung.

Aber Vorsicht! Zu oft und zu schnell wird hier auf extrem sinkende Schnüre, Vorfächer und sogar Schussköpfe gesetzt. Jedes Gramm mehr in Flugschnur und Vorfach erschwert auch das Werfen und Handling. Schwere Streamer behindern zusätzlich. Nicht immer, ich möchte sogar sagen, selten ist das zumindest in unseren bayrischen Gewässern notwendig. Eine Schwimmschnur läßt sich ganz anders abheben oder handeln als eine Sinkschnur. Man wirft mit einem oder nur wenigen Leerwürfen. Dazu ist eine härtere Rute mit einer schnelleren Aktion hilfreich.

Zielfische für diese Schnurklasse sind: Hecht, Zander, Karpfen, Meerforelle, Meeräsche, kleinere Lachse, Steelhead, und Bonefish.

Für Hecht gilt beim Fliegenfischen dasselbe wie für andere Angelarten auch - das Stahlvorfach. Man muss sich jedoch im Klaren sein dass ein Stahlvorfach die Wurfeigenschaften und die Schnurkontrolle erheblich negativ beeinflusst. Da bei Hecht und Zander meist keine großen Fluchten zu erwarten sind, sind die Anforderungen an viel Backing nicht so groß. Anders dagegen ist es beim Karpfen. Wer schon einmal einen größeren Karpfen an der Fliegenrute hatte weiß, mit welcher dauerhaften Kraft dieser Fisch abzieht. Da sind die ca. 30 m Flugschnur schnell einmal abgespult und man ist froh, eine ordentliche Reserve an Backing zu haben.

#7/8 ist auch die Schnurklasse für die leichte Salzwasserfischerei z.B. auf Meerforellen oder Meeräschen. Am Meer hat man häufig mit starken Gegenwind zu rechnen womit aber diese Schnurklasse locker fertig wird. Wer hauptsächlich an der Küste fischt dem rate ich, die Rute zusätzlich auch noch etwas länger zu nehmen. Ideal wären hier 2,90 m bis über 3 m.

Auch für die leichte Lachsfischerei (auf Grilse, kleine Lachse) in größeren skandinavischen Flüssen ist die Schnurklasse #8 gut geeignet. Auch hier würde ich wegen dem besseren Schnurhandling (Linemending) zur etwas längeren Rute (ca. 2,90-3,00 m) raten.

Ruten ab der Schnurklasse #7/8 werden oft schon mit einem sogenannten "Full-Wells-Griff" ausgestattet. Dieser unterstützt die Daumenhaltung welche meist dann eingesetzt wird, wenn es darum geht kraftvoll zu werfen.


Full-Wells-Griff

Die Klasse #9 bis #10

Die Fische und/oder die Gewässer werden größer. Zielfisch in dieser Schnurklasse sind kapitale Hechte, Huchen, Silber-, Königslachs und Barrakudas. In der Regel ist die Schnurklasse #10 das obere Ende der Einhandruten. Sicher gibt es aber wie überall Ausnahmen. Gilt es schwerste Streamer und Schussköpfe zu werfen kommt man an dieser Schnurklasse nicht vorbei.

Wie bei den ultraleichten Ruten gilt auch hier: je mehr man vom Standard (#5/6) abweicht um so teurer wird die Ausrüstung. Legt man dann schon mehr Geld auf den Ladentisch und fischt man viel im Meer sollte man gleich bei allen Ausrüstungs-Gegenständen (Rute, Rolle, Schnur, Haken, Watstiefel . . .) auf eine Salzwassertauglichkeit achten.

Kapitale Hechte weit über der Meter-Grenze und Huchen sind es vor allem in unseren Breitengraden die mit dieser Schnurklasse gefangen werden.

In den großen Flüssen vor allem in Norwegen, Kanada oder Schottland geht es mit dieser Schnurklasse auf Lachse. Schwere Schussköpfe lassen sich noch gut werfen.

Mit der Zweihandrute auf die ganz Großen

Zweihandruten erfordern einen anderen Wurfstil. Single- oder Double-Speycast (also extrem weite Rollwürfe) sind hier hauptsächlich gefragt. Diese, zwischen 4,50 m und fast 5,00 m langen Ruten werden für die ganz Großen eingesetzt wobei hier unter "Groß" sowohl Fische als auch Gewässer gemeint sind.

Extrem stark kämpfende Fische in reißender Strömung stellen höchste Ansprüche an Rute, Rolle und Material. Wer hier aufs Geld schaut der spart am falschen Fleck. 1.000-1.500 € sollte man schon in die Ausrüstung stecken will man auf Fische wie Königslachse, Barrakudas, Tarpon, Sailfish, Marlin, Thunfisch und bei uns sogar Waller gehen. Je nach dem zu erwartenden Fisch (größe) sind auch Zweihandruten in Schnurklassen eingeteilt. Sie beginnen in der Regel bei der Schnurklasse 10 und reichen (nach meinen heutigen Kenntnissen) bis zur Klasse #16. Selbstverständlich sind auch Zweihandruten in den unteren Klassen ab #5 erhältlich welche dann auf Salmoniden in großen Flüssen eingesetzt werden.

Tenkara

Gehen wir nochmals zurück zur ultraleichten Fliegenfischerei. Eine uralte japanische Art aus dem 9. Jahrhundert vor Christus wird wieder neu entdeckt. Schon der blumige Name Tenkara (ins deutsche übersetzt: "vom Himmel schwebend") sagt viel über diese Kunst aus. Vom Himmel schweben soll die Fliege und sanft auf dem Wasser aufsetzen. Dazu ist natürlich feinstes, ultraleichtes Gerät gefragt. Das Haupteinsatzgebiet sind kleine Gebirgsbäche welche es in Japan und auch bei uns in den Alpen zur Genüge gibt. Zielfische sind Forellen, Äschen, Saiblinge - kurz, alle Fische welche in solchen Gebirgsbächen ihr Zuhause haben.

Die Ausrüstung kommt ganz ohne Rolle aus, eine solche gab es auch früher nicht. Die 3 bis 4 m langen Teleskopruten werden in Verhältnissen klassifiziert. So bedeutet z.B. die Aussage 6:4 dass die unteren 6 Einheiten härter und die oberen 4 weicher sind. Als Schnüre kommen in der Regel zwei Arten in Betracht: Einmal die alte klassische Art (Traditional Line) ähnlich eines geflochtenen Vorfachs in Rutenlänge und zum Anderen, die modernere Art, eine 10 - 15 m lange Flugschnur (Level Line) ähnlich einer Runningline wie wir sie kennen. An die Schnur wird noch ein etwa 1,20 - 1,50 m langes 0,14-er bis 0,16-er Vorfach geknüpft und daran wiederum eine Fliege (Trocken, Nass oder Nymphe).

Alles Weitere über Tenkara erfahren Sie im nachfolgenden Bericht:

Tenkara: Einsatzmöglichkeiten, Ausrüstung, Montage, uvm.